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eute möchte ich ein Thema behandeln welches gerade transidente/transsexuelle Menschen (wie mich) eigentlich immer, ständig und überall begleitet. Und zwar die Frage: „Wie werde ich von anderen Menschen wahrgenommen?“. Mit anderen Worten ist mein Passing gut genug, dass mich außenstehende fremde Menschen als die Person wahrnehmen die ich wirklich bin. Sprich nehmen mich diese als männlich, queer oder weiblich (also meinem Identitätsgeschlecht) wahr?

Klar, kurz nach dem Outing, wenn noch alles frisch ist und man es der ganzen Welt nur noch ins Gesicht schreien will – „So bin ich und nicht anders“, ist es natürlich schwer von nicht auffallen zu reden. Man scharrt mit den Hufen und will eigentlich die gehasste Rolle nur noch so schnell wie möglich loswerden und sein Leben endlich genießen können. Doch wie geht man vor, wenn man eigentlich gar keine Erfahrung hat, wie man sich draußen, in der Welt in seiner gefühlten Identität bewegen will?

Erfahrungen wie man sich entsprechend kleidet, schminkt und verhält hat man schließlich kaum oder gar nicht. Im Grunde fehlt einem eben die komplette Sozialisierung in der entsprechenden Rolle. Dazu kommt dann noch das Gefühl so viel Zeit verloren und Momente verpasst zu haben – was dann dazu führt, dass man neigt es alles auf einmal versucht nach zu holen. Das Ende vom Lied ist dann die Überkompensation / Übertreibung und aus dem gewünschten Passing wird die Karikatur einer Person / einer Geschlechtsrolle.

Ich will mich davon gar nicht freisprechen. Schließlich habe ich genau diese Fehler in meiner Anfangszeit auch gemacht. Zu viel und schlechtes Make-Up, nicht zu mir passende Kleidung und vieles vieles mehr. Es war also kein Wunder, dass die Menschen mich dann meistens falsch einsortierten und mich eher als einen „Mann in Frauenkleidung“ sahen. Die entsetzlichen Blicke und das grässliche mit dem Finger auf mich zeigen, hätte ich mir im Nachhinein gerne erspart.

Unsere Gesellschaft ist eben leider doch noch nicht soweit, als dass sie über solche Dinge einfach hinwegsehen könnten. Wenn dann von einigen Stellen immer noch ein Alltagstest gefordert wird  – der übrigens keine Pflicht ist – kann ich nur noch den Kopf schütteln. Wissen die überhaupt was sie den betroffenen Person an tun, wenn sie diese unter Zwang in die Gesellschaft stoßen? Ich kann nur von mir sagen, mein Selbstwertgefühl war nach so manchen Tagen quasi nicht mehr existent und ich hätte mich am Liebsten in Luft aufgelöst.

Es war ein sehr bitteres Lehrgeld für mich und vermutlich auch für alle anderen, die dass durch leben müssen. Müssen, weil man im Grunde ja auch gar keine Wahl hat. Entweder man kämpft sich dadurch, erträgt es und versucht sein Passing ständig zu verbessern, oder man geht vor die Hunde. Alternativ versucht man sich mit seiner Situation zu arrangieren und das Beste daraus zu machen und die Reaktionen der Anderen auszublenden.

Übrigens weiß ich für mich selber, dass mein Passing vermutlich nie so gut sein wird, als dass ich zu 100% Stealth (also unerkannt) in der Gesellschaft leben könnte. Egal wie sehr ich noch an mir, meiner Optik und an meinem Kleidungsstil arbeite. Es wird immer jemanden geben der mich „enttarnt“, gafft oder im Extremfall sogar einen blöden Spruch bringt. Das hört sich jetzt alles total negativ an, was es aber gar nicht ist.

Denn die Wahrheit ist, dass die Prozentzahl der „Gaffer“ immer weiter sinken wird, je länger man in seiner Identitätsrolle lebt. Warum ist das so? Klar, man findet irgendwann seinen Kleidungsstil und sein passendes Make-Up. Kurz um – man sammelt Erfahrungen was einem steht und was nicht. Was aber in meinen Augen viel wichtiger und vermutlich der ausschlaggebende Punkte ist, warum das Passing immer besser wird. Ist die Authentizität!!

Nein, jetzt fängt die schon wieder mit dem Thema an. Doch, es muss sein. Wenn ich mich an meine Anfangszeit – die noch gar nicht so lange her ist – erinnere, war die geprägt von den ständigen Gedanken wie z.B. „Die sehen es mir doch alle sofort an“, „Bloß nicht auffallen“, „Mach ja nichts falsch“, usw. Ich war eigentlich gedanklich nur ständig damit beschäftigt meine eigenen Komplexe im Zaum zu halten, statt einfach los zu lassen. Nicht zuletzt wegen dem ständigen negativen Feedback was ich von Außen bekam.

Manches Kompliment im echten Leben (ja, ich bekomme keine) hätten diese vielleicht schneller lösen können. Aber auch so fingen sie irgendwann das Bröckeln an und die Selbstsicherheit wurde immer größer. Ich weiß nicht wie es bei Euch ist/war. Aber ich kann mich nur an die Zeit vor meinem Outing erinnern, bei der ich versucht habe alles irgendwie zu unterdrücken, was eben nicht in die Rolle passte die von mir erwartet wurde. Das war natürlich ein großes Hemmnis und Belastung für meine eigene Persönlichkeit.

Auf was ich eigentlich hinaus will. Eure Optik kann noch so gut sein, solange Ihr Unsicherheit ausstrahlt und nicht authentisch seid – werdet Ihr immer wieder von anderen durchschaut / enttarnt. Es klingt vielleicht verrückt. Aber im Umkehrschluss heißt dass, Ihr müsst nicht optisch perfekt sein (zu groß, zu klein, zu markante Gesichtszüge) solange Ihr Euch wohlfühlt und ihr Selbstsicherheit ausstrahlt wird das Umfeld Euch gar nicht groß zur Kenntnis nehmen und Euch schon in die richtige Schublade einordnen.

Ausnahmen gibt es natürlich immer wieder. Lasst Euch aber davon nicht entmutigen. Okay, ich rede es mir gerade schön. Ich habe genauso Tage an denen mich nur ein blöder Blick völlig aus der Bahn wirft. Nur habe ich gelernt meistens da drüber zu stehen. Sollen die doch denken was sie wollen, solange sie mich in Ruhe lassen. Ihr seid wundervolle Menschen vergesst das nie und die haben nicht mal den Hauch einer Ahnung wie es Euch geht.

Liebe Grüße
Ellen

Meine persönlichen Passing Tipps (Frau)

  1. Sorge für eine passende weibliche Frisur / Haarfarbe
  2. Lass die Barthaare dauerhaft entfernen und/oder
    überdecke sie mit einem guten Make-Up
  3. Augenbrauen in Form bringen (zupfen)
  4. Finde ein Make-Up was zu Dir passt und Deine Augen betont
  5. Ziehe nur Sachen an in denen Du Dich zu 100% wohl fühlst
  6. Sei nicht neidisch auf andere
  7. Lass Dich nicht von den Reaktionen anderer verunsichern
  8. Sei einfach Du selbst und verstell Dich nicht