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s ist mal wieder höchste Eisenbahn meinen Blog auf den neusten Stand zu bringen. Schließlich ist so viel passiert und so viel habe ich noch nicht – einiges werde ich auch nicht – aufgeschrieben. Daher wundert Euch nicht, wenn die nächsten Tage ein paar Beiträge geballt kommen. Nur bevor es ganz in Vergessenheit gerät möchte ich es festhalten. Anfangen werde ich nun mit meinem ersten Begutachtungstermin für die Vornamens- und Personenstandsänderung bei Herrn Müller in Nürnberg. Viel Spaß beim Lesen!

Donnerstag der 18.02.2016 – Eigentlich klingelt mein Wecker  erst um 6:00 Uhr und was ist ? Nach einer doch extrem unruhigen Nacht bin ich bereits fast eine Stunde vorher wach. „Oh man, das kann ja was werden“ – denke ich mir. Heute ist der Tag an dem ich auf meinen ersten Gutachter treffe und ich bin alles andere als erholt. Von Tobias Müller habe ich im Vorfeld schon viel gehört. Vieles was mir ein wenig Sorgen bereitet. Es ist die Rede von ganz vielen Sitzungen und extrem hohe Kosten. Ich hab versucht mich nicht verrückt machen zu lassen. Wirklich gelungen ist es nicht.

Um 5:30 Uhr stehe ich dann endgültig auf und geh ins Bad. Wenn ich denn schon mal wach bin, kann ich mich auch gleich fertig machen. Ich wasche mir die Haare – obwohl ich sie mir gestern Abend extra gewaschen hatte und merke das ich ganz schön durch den Wind bin. Außerdem habe ich ganz leichte Kopfschmerzen, aber ich versuche sie zu ignorieren. Nach dem Schminken folgt dann die übliche morgendliche Routine. 6:30 Kinder wecken und sehen das alle um 7:30 Uhr das Haus in Richtung Schule und Ausbildung verlassen haben. Endlich mal durchschnaufen!

Wenn man es durchschnaufen nennen kann. Viel mehr laufe ich auf und ab. Ich versuche mich abzulenken. Facebook, diverse Chats – Nichts kann meine Gedanken wirklich weg lenken. Ich bin doch eigentlich gut vorbereitet! Habe mir extra nochmal meinen Lebenslauf am Abend vorher durchgelesen. Hab ein Entspannungsbad genommen usw. Alles vergebens ! Auch wenn ich mir immer wieder sage: „Egal, was ist – selbst ohne VÄ/PÄ – du bist du und es geht nie wieder zurück – egal was ist“. Die Zeit kriecht vor sich hin und frisst an meinen Nerven.

Es ist 10:30 Uhr – Eigentlich wollte ich erst in einer Stunde losfahren, aber ich halte es nicht mehr aus. Ich verabschiede mich von meiner Liebsten (Danke, dass sie es erträgt) und steige in mein Auto in Richtung Nürnberg. Um 12:10 ist der Termin – Laut Routenplaner wäre ich in etwa 53 Minuten da. Pustekuchen!! Nürnberg, sein Verkehr und ich werden wohl nie mehr Freunde. Es dauert bis 11:40 bis ich endlich in der Nähe von der Praxis bin. Zu allem übel gestaltet sich die Parkplatzsuche schwieriger als gedacht. Kaum noch Zeit. Ich fahre einfach in das Parkhaus einer bekannten Linux-Softwarefirma mit dem Chamäleon als Maskottchen. Mist ich habe kaum Bargeld dabei. Mit den Gedanken ich suche noch schnell nach einer Bank parke ich und mach mich auf dem Weg zum Termin.

12:05 – Ach Du elend, schon so spät. Gerade noch pünktlich öffne ich die grüne massive Tür und stehe in der Praxis. Gerade nochmal geschafft denke ich mir und gehe zur Anmeldung. Die Dame am Empfang ist total nett und freundlich. Sie möchte meine Versicherungskarte und es folgt das übliche „Erstbesuch in einer Praxis“-Ritual – „Bitte füllen Sie den Bogen aus“. Ich bin es ja gewohnt und fülle den schnell im modernen Wartebereich aus und gebe ihn ab. Das ich die ganze Zeit mit Herr angesprochen werde tut schon wirklich weh. Aber ich denke mir, dass hälst Du aus. Schließlich dürfen sie es bestimmt nicht anders, weil sie dann ja schon klar gemacht haben dass sie es so sehen.

Kurz darauf werde ich schon von Herrn Müller mit Herr H. aufgerufen und wir gehen in sein Arbeitszimmer. Es geht los. Oh Gott. Ein Tisch mit Computer, Ein paar Stühle und eine Schachtel mit Taschentücher – Für den Notfall steht drauf – viel mehr ist nicht im Raum. Ich werde gefragt, was mich zu ihm führt. Was ja eigentlich klar gewesen ist und ich sage ihm, dass der Richter mich für ein psychiatrisches Gutachten (Transsexualität) zu ihm geschickt hat. Und schon geht es los. Wie in einem Verhör beginnt er mir auf den Zahn zu fühlen. Bohrt mit aller Macht gleich in der Kindheit herum – Versteht mich nicht falsch, ich finde es durchaus legitim – Irgendwie muss er sich ein Bild von mir ja auch machen. „Wie kommen Sie dazu zu denken, dass sie so sind?“ – So in etwa ging es dann los. Um Gotteswillen, wie erkläre ich – dass. Ein Gefühl immer gehabt zu haben, anders zu sein als alle andere – Es aber nicht in Worte packen zu können. Es kommt vieles wieder hoch. Genauso wie mein Körper teilweise auf Situationen reagiert hat in denen ich mich hinein gezwungen gefühlt habe – Ich sage nur Probetraining beim Fußball.

Sehr präsize hangelt er sich von Station zu Station. Wie meine Eltern reagiert haben, dass ich meist mehr Freundinnen hatte als männliche Freunde. Ob sie versucht haben dagegen etwas zu unternehmen. Das Mobbing der anderen Kinder interessierte ihn überhaupt nicht. Anscheinend war er also fündig geworden. Und mein Kopf explodierte. Es stellten sich heftigste Kopfschmerzen ein. „Ich hätte mehr trinken sollen“, denke ich mir – Nun war es aber zu spät. Es folgten weitere Stationen meines Lebens. Irgendwann war ich so konfus, dass ich anfing Ereignisse aus der jüngeren Zeit mit einer falschen Jahreszeit zu versehen. Es rückte alles ein Jahr weiter in die Vergangenheit als es wirklich war. Aber wirklich fit war ich eben auch nicht.

Nach einer gefühlten Ewigkeit kam er dann doch endlich zum Ende. Fleißig hatte er alles mit geschrieben und nun folgten sogar ein wenig Smalltalk. Was für eine Abwechslung. Ob ich die Leitung der Selbsthilfegruppe bei mir vor Ort kenne. Wer mein zweites Gutachten macht. Und dann sogar noch etwas philosophisches über meine und vermutlich sogar seine Weltanschauung – Es deckte sich zumindest offensichtlich. Auf jeden Fall ging daraus hervor, dass wir beide finden, dass nichts auf der Welt einen Selbstmord rechtfertigen würde. Wir auf der Welt sind um zu wachsen.

Abschließend kam dann noch die Frage wie ich meine Zukunft sehe. Ich erklärte ihm, natürlich höflich, dass ich egal wie sein Gutachten ausfallen wird auf jeden Fall keinen Schritt zurück ins alte Leben machen werde. Im Ernst das ist das letzte auf der Welt was ich machen würde. Und wenn es so sein sollte, dass ich dann eben damit leben muss, dass ich mit falschen Namen geführt werde. Klar würde ich noch einen Anlauf machen mit der VÄ/PÄ.

Das Gespräch endete dann ziemlich abrupt. Das was er hat würde ihn absolut reichen und er denkt er brauch keine weiteren Termine mit mir. So wie ich es verstanden habe, hat er mir sogar zu verstehen gegeben, dass das Gutachten wohl komplett in meinem Interesse ausfallen wird. Ich aber mit ihm Geduld haben sollte. Er habe noch ein paar Gutachten zu schreiben, so dass er meins erst in 10-14 Tagen fertig machen kann und ich es dann habe. Was war gerade passiert ? Der Gutachter mit dem Ruf mehrere Sitzungen zu brauchen sagte mir gerade es würde ihm genügen und alles ist für mich positiv verlaufen ? Hab ich verpasst, ich war total überrascht. Aber er nannte mich ab da nur noch Frau H. Also muss es doch die Wahrheit gewesen sein!

Nach dem Gespräch musste ich dann noch eine psychiatrische  Testung  bei einer seiner Angestellten machen. Ach wie gut, dass es immer wieder gemacht wird. Aber mir brummte nur noch der Kopf – Mittlerweile waren die Kopfschmerzen zu einer Migräne ausgewachsen und meine Konzentrationsfähigkeit war eigentlich gegen null – Was ich auch immer wieder sagte. Es half ja trotzdem nichts und so gab es noch ein paar persönliche Fragebögen, ein lustiges Bilder raten, Zahlen und Buchstabenreihen merken (bei dem ich nach der 6 Stelle ausgestiegen bin) und erkennen von Wörter.  Ich bin ehrlich – ich hockte die Zeit nur noch ab – versuchte mich wenigstens etwas mit der Angestellten zu unterhalten um mich selbst abzulenken. 2 Stunden später war der Spuk dann vorbei.

Um 17:15 stand ich dann wieder vor der Praxis. Ungläubig und völlig kaputt. Fragt nicht wie ich heimgekommen bin. An die Fahrt kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Ich war wohl noch kurz etwas einkaufen – Aber viel mehr weiß ich nicht. Erst zu Hause kam ich dann endlich zu Ruhe. Mit einer ausgewachsenen Migräne lag ich auf dem Sofa. Deckte mich zu und fror trotzdem. Ich hätte mich freuen sollen. Aber ich konnte es nicht, weil ich einfach zu fertig war.

Aber Hey !! Ich habe mein erstes Gutachten vermutlich geschafft. Ich hoffe nur das ich mir nichts eingebildet und verhört habe. Und vor allem, dass es nicht schlimm ist, dass ich mich total mit den Jahreszahlen verhauen habe. Es war auf jeden Fall keine Absicht. Und nun breche ich sogar ein Kreuz für Herrn Müller. Er machte von Anfang an ein sehr kompetenten Eindruck. Fragte und bohrte genau da wo es weh tat. Er macht eben auch nur seinen Job – Menschlich fand ich ihn sympathisch und würde ihn sogar als Gutachter wieder nehmen. Aber die Wahl habe ich so oder so nicht und werde ich hoffentlich auch nicht brauchen. Auf jeden Fall. Bin ich ein riesen riesen Schritt näher an meinen richtigen Papieren. Ich will endlich die alten Ausweise etc. loswerden. Alleine schon mit den richtigen Namen unterschreiben zu können und an der Kasse nicht mit Herr angesprochen zu werden, weil es auf der Bankkarte so steht – wäre schon wahnsinnig toll.

Ich bin ganz ehrlich. Je mehr Zeit seit dem „Switch“ vergeht umso mehr tut es mir weh mit männlichen Pronomen angesprochen zu werden. Ich weiß es wird vermutlich immer wieder mal passieren, aber ich will und mag es einfach nicht.

Eine mittlerweile wieder erholte und glückliche
Ellen